Daniel Eyrich

System theoretical Music

Die ursprüngliche aus der Biologie stammende Systemtheorie wurde von Niklas Luhmann soziologisch neu begründet. Sie beschäftigt sich mit der Erklärungen der Gesellschaft mittels dem Modell des Systems, so wird der Mensch als Konglomarat von Systemen betrachtet und die Gesellschaft als soziales System. Diese sozialen Systemen bestehen, nach Luhmann, nur aus Kommunikationsakten.

Ich habe mich während meines Studiums an der Hochschule für Gestaltung theoretisch mit der Systemtheorie beschäftigt. Als praktische Arbeit konzepierte ich dieses, hier zu hörende, konzeptionelle Album. Es umfasst zehn Songs. In dieser Arbeit habe ich Themen der Systemtheorie in Kompositionen elektronischer Musik, übersetzt. Dazu habe ich zunächst Konzepte geschrieben, die wie Handlungsanweisung formuliert sind. An Hand dieser Konzepte komponierte ich die hier folgenden zehn Musikstücke. Darunter sind die Konzepttexte zu den Liedern zu finden.

 

Weiter musikalische Werke von mir finden Sie unter:

www.law-of-forms.com



Umwelt


Die Umwelt wird als Begriff der Systemtheorie immer nur abhängig von einem System unterschieden. Für das System ist sie ein schier unendliches Maß an Irritationen. Der Rezipient des Musikstückes stellt in diesem Fall dieses System dar, das Stück ist also seine Umwelt. Die Beschaffenheit der Umwelt ist vom Prinzip her ein Grundrauschen, das mal stärkere Ausschläge und mal schwächere Ausschläge hat. Diese Ausschläge fügen sich nicht unterscheidbar in das Grundrauschen ein. Als Grundlage für eine Darstellung eignen sich eine Reihe von Fieldrecordings. Mit hohen Aufnahme-Pegeln sind geeignete Aufnahmen von einem passenden Rauschen gut aufzunehmen. Da es sich ja um kein spezifisches Rauschen handelt, sondern um ein allgemeines, sind mehrere Recordings nötig. Diese Aufnahmen aus verschiedenen Umgebungen werden dann zusammengeschnitten. Die Wirklichkeit der Welt, auch wenn vom Menschen nicht ohne Interpretationsleistung ganz begreifbar oder erfahrbar, ist ein Kontinuum. Deshalb sollte das Stück einen möglichst flüssigen Eindruck erwecken. Die Erfahrung von Zeit ist nicht linear sondern vom Kontext abhängig, deshalb wären Veränderungen der Beats per minute auch nötig. Eine Umwelt ist nur zu beobachten, wenn wir sie von einem System differenzieren. Logisch wäre es, wenn es eine Leerstelle im Musikstück gäbe, an der das System zu finden sein sollte. Sozusagen ein blinder Fleck. Es müsste eigentlich ein Musikstück ohne Grundton sein, auch wenn das aus wahrnehmungstheoretischer Sicht nicht ganz möglich ist, da der Zuhörer durch das Fehlen des Haupttons im Stück, dieses einfach einer anderen Grundtonart zuordnen würde. Aber es ist auch in Ordnung wenn der Zuhörer eine Tonika hineindeutet, die eventuell vom Autoren anders gedacht war. Die Idee einer später „heraus-gerechneten“ Melodie käme auch dieser Idee nahe. Übrig bleiben nur die Spuren der Melodie, vielleicht der Hall oder ein leises Echo in einem Aux-Kanal. Denn genauso bleibt in der Umwelt nur die Einfärbung des individuellen, subjektiven Erlebens dieser Umwelt, eine Ahnung des fehlenden Stücks, das zwar da ist, vom Beobachter aber immer erst in einer weiteren Beobachtung reflektiert werden kann. Wichtig bei diesem Stück ist, dass Zufälligkeit eine wichtige Rolle spielt, denn es bestehen zwar deterministische Auslöser für das was passiert, sie sind für das System aber unbekannt, nicht berechenbar oder uneinsichtig und wirken deshalb zufällig und chaotisch.

 



Sinnot und Sinnzwang


Sinn ist nach der Systemtheorie, das Medium in dem psychische, wie auch soziale Systeme operieren. Diese Operationen konfrontieren Erlebtes mit Sinn, um sich ihre Umwelt zu konstruieren und um anschlussfähige Selektionen zu errechnen. Es muss entschieden werden was Sinn macht, sowohl bei der Interpretation des Erlebten, wie auch bei der Planung des Handelns. Um darauf musikalisch einzugehen, muss zunächst etwas festgelegt werden, zudem etwas neu dazukommendes Sinn macht, oder eben nicht. Als Ausgangslage dient jeweils eine von vier sogenannten Flächen, die eine harmonische wie ästhetische Grundlage bietet. Flächen werden im musikalischen Kontext Klänge genannt, die ausgedehnt sind sowohl sanft anklingen wie fließend in einander übergehen oder ausklingen. Jede Fläche wird zunächst ungefähr 32 Takte lang gespielt. Auf die Tastatur meines Masterkeyboards werden nun verschiedene Samples gelegt. Anschließend wird versucht herauszufinden, welche Samples zu der gerade laufenden Fläche passen, die Passenden werden dann zu einem Loop arrangiert. Man gerät dabei in die Not, dass es am Ende Sinn ergeben muss. Ist dies festgelegt, werden die Samples und die dazu passenden Flächen hintereinander abgespielt. Nun werden die verbliebenen Samples so verändert, dass sie zu dem gerade laufenden Loop passen und werden dazu transponiert und im Abspieltempo verändert.

 




Die Semantische Wolke


Die semantische Wolke beschreibt den semantischen Kontext von Begrifflichkeiten, die in der Systemtheorie mit dem Begriff der Identität beschrieben werden. Identitäten bestehen, je nach dem psychischen System das sie gebildet hat, aus verschiedensten zusammengefassten Informationen, die mit dem ursprünglichen Begriff mehr oder weniger verknüpft sind. Begriffe sind auch bei nahezu perfekter Definition noch schwammig und ihre Bedeutungen gehen fließend ineinander über. Deshalb könnte man sie als Wolken verstehen, die keine klaren Konturen haben. Um diese Eigenschaft darzustellen eigenen sich Sounds, die man als Flächen mit einer langen Attack und Auslaufzeit bezeichnet. Da Identitäten aus mehreren geschichteten Information bestehen, die in der Identität ihren Einklang finden, werden sie durch Akkorde dargestellt. Da Identitäten sich immer Information mit anderen Identitäten teilen und dadurch untereinander vernetzt sind, ist die Idee naheliegend, dass die Akkorde den Quintenzirkel einmal durchlaufen, bis sie ihren Ursprung erreichen. Wobei sich jeder Akkord einen Ton mit den beiden danebenliegenden teilt. Weil die Identitäten nun aber alleine für sich stehen, sollte jeder einzelne Akkord immer wieder mit einem neuen Instrument und einem neuem Patch (die Verschaltung und Einflussnahmen der Komponenten eines Synthesizer untereinander) synthetisiert werden.

 



Doppelte kontingenz


Das Prinzip, dass sich kein Kommunikationspartner festlegen kann, solange sein Gegenüber sich nicht festgelegt hat ist ein Problem, das durch Asymmetrierung dieses Verhältnisses, nämlich durch die Festlegung auf einer Seite gelöst wird. Wie soll ein Musiker wissen, welche Tonart oder in welchem Tempo er spielen soll, wenn sich niemand aus der Band festlegen will. Nach kurzer Zeit lösen sich solche Probleme wie von allein. Man findet einen Konsens durch gemachte, gehörte und gedachte Schwerpunkte.

 

Da ich keine Band bin, muss ich mich, um dem Konzept gerecht zu werden, selbst etwas austricksen. Am Anfang des Stücks passiert erst einmal nicht viel. Es muss ein spannender Moment sein. Anspannung herrscht vor. Als Sound würde sich hier jener eignen, den man aus kulturellen Zusammenhängen mit Strom und Spannung assoziiert. Jeder kennt das Geräusch, das man hört wenn eine elektrische Gitarre in den Verstärker ein- oder ausgesteckt wird. Vielleicht benutze ich hier den LowfiSound meines Feedback-Synthesizers. Darauf folgt ein anderer anhaltender Sound mit ähnlicher Anmutung. Zuerst erscheinen beide Töne symmetrisch zueinander, wahrscheinlich weil sie dieselbe Tonhöhe haben. Dann spielen beide zusammen. Darauf folgt ein Synthesizer dessen Tonhöhe durch einen LFO (Low Frequency Oscillator) gesteuert wird. Am besten mit einer Sinuswelle oder einer Dreieckswelle als Modulation. Der zweite Synthesizer, der ebenso moduliert ist folgt etwas später und beide schlingern umeinander bis sie sich festlegen. Zusätzlich könnte man, um die Situation der Unentschlossenheit noch hervorzuheben, einen Synthesizer mit einem Random (also einem zufälligem) Pitch hinzubringen, der zunächst wild verschiedene Tonhöhen spielt, dessen Tonumfang (bzw. die Range) dann eingeschränkt wird und der schließlich in ein harmonisch zu den anderen Tönen des Stückes passenden Apreggio übergeht. In der Harmonie von einer spezifischen Tonart gipfelt schließlich das Stück. Am Höhepunkt finden alle Instrumente zu einem harmonischen Klang zusammen. Die Spannung wird aufgelöst. Die Drumms werde ich zunächst blind, ohne akustische oder visuelle Kontrolle, Spur für Spur einspielen, während das Stück durchläuft, werde ich mir geplant eine nach der anderen Möglichkeit zur Orientierung des schon Vorhandenem geben, bis hin zur akustischen Kontrolle bzw. dem Hören des bestehenden Rhythmuses. Da dieser aber ja auch ohne festes Metrum eingespielt wurde und bei den ersten Instrument noch uneingeschränkte Möglichkeiten vorherrschten, ist selbst bei der Nutzung aller Kontrollmöglichkeiten nicht sicher, dass der Rhythmus vorhersehbar ist und sich irgendwann einspielt. Wichtig ist dabei, dass beide Synthesizer nicht dieselben Noten spielen, denn das in der Systemtheorie beschriebene Problem der doppelten Kontingenz ist das der symmetrischen Beziehung, die asymmetriert werden soll.

 

 

 



Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation


Das Gelingen der Kommunikation ist nach der Systemtheorie ein unwahrscheinliches Unterfangen. Dazu müssen folgende Schritte erfüllt: das Selektieren einer Information, die Wahl der Mitteilungsform, die Erreichbarkeit der Kommunikationspartner, das Verstehen eines Kommunikationsangebots, die Annahme des Kommunikationsangebots, die Selektion von Mitteilung und Informationen, sowie das Verstehen des Inhaltes. Wird die Kommunikation erwidert, so entsteht damit ein soziales System. Für eine musikalische Darstellung muss demnach ein Musikstück erzeugt werden und eine Mitteilungsform an einen anderen Musiker ausgewählt werden. Ich habe mich für die Übermittlung per Download-Link entschieden und ein gängiges Audio-Format für die Datei. Der Musiker muss die Kommunikationsofferte auch als Kommunikation verstehen und dann zwischen Information und Mitteilung unterscheiden. Das Musikstück ist in diesem Fall eine Mitteilung, denn wir wollen nicht nur, dass es angehört und verstanden wird, sondern es ist ebenso eine Aufforderung etwas zu erwidern, bzw. eine Antwort zurück zu schicken. Aus diesem Grund wäre es am besten dem Musiker ein Stück in der Länge von zwei Takten zu schicken. Der erste Takt hat ein loopfähiges Stück Musik, der andere nur die leisen Hintergrund-Sounds und den Ausklang des Halles des ersten Taktes als Ambiente. Somit wird deutlich, dass dort ein Freiraum zu füllen ist. Würde man den zweiten Takt absolut leer lassen, so könnte es wie ein Fehler beim Exportieren wirken. Gäbe es nur einen Takt wäre nicht klar, dass noch etwas fehlt. Ich habe mich dazu entschieden zwei bekannten Künstlern mein Kommunikationsangebot zu übermitteln, da ich sehr gespannt bin, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen. Ist das Stück erst einmal übermittelt, liegt es am Gegenüber und es darf keine Erklärung gegeben oder Einfluss darauf genommen werden. Die Ergebnisse werden dann in einem Stück einfach hintereinander gestellt. Kommt keine Antwort, so wird ein leerer Takt stellvertretend angefügt. Ich habe meine Frage an zwei Musiker geschickt. Deren Beitrag ist im Wechsel mit meiner musikalischen Frage zu hören. Wir starten mit meiner Frage in 16 Takten, dann folgt in 16 Takten Antwort Nummer eins, danach folgt wieder meine Frage in 8 Takten und zum Schluss die Antwort Nummer zwei. Ich danke an dieser Stelle meinen beiden Kommunikationspartnern Elektromelodics und Xenosapien, die hier in der Reihenfolge ihres musikalischen Beitrags aufgeführt sind.

 



Die Institutionalisierung des gebändigten Egoismus


Die Systemtheorie besagt, dass unsere Gesellschaft durch sogenannte Kommunikationsmedien zusammengehalten wird. Sie sind unter dem Namen der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien bekannt. Diese Medien (Macht, Liebe/Freundschaft, Eigentum/Geld/Bedürfnisse, Wahrheit) regeln das Zusammenleben und sorgen für einen weitestgehend produktiven und friedlichen Umgang. Die Medien sind in der Menschheitsgeschichte nach und nach entstanden und werden sich auch in der Zukunft immer weiter ausdifferenzieren und verändern. Sie entsprechen bestimmten Beziehungen zweier Kommunikationspartner und der Verteilung der Rollen zwischen den beiden. Dies ist allerdings kein tatsächlicher, sondern nur ein von einem Beobachter interpretiertes Verhältnis.

 

Je nachdem, wie das Verhältnis und die Rollen zugeordnet werden, kann man auf eine Kommunikation in den unterschiedlichen Mediencodes schließen. Dabei ist die Frage: wer als handelnd und wer nur als erlebend erachtet wird. Folgt auf das Handeln des einen ein Handeln des anderen, so sprechen wir vom Medium Macht bzw. Recht. Versucht der Eine seine Handlungen nach dem Erleben des Anderen auszurichten, so verweist die Zurechnung auf das Medium Liebe. Gleichen beide ihr Erleben ab, so geht es um die Frage: was wahr ist und was nicht und es wird im Medium Wahrheit kommuniziert. Muss nun aber Einer das Handeln des Anderen erlebend hinnehmen, auch wenn sie ihm nicht gefallen, so sprechen wir vom Medium Eigentum bzw. in fluider Form von Eigentum, dann von Geld.

 

Da alle diese Medien gesellschaftliche Entwicklungen sind, ist meine Idee, klassische Musikstücke herauszusuchen die Macht, Liebe, Wahrheit und Eigentum zum Thema haben. Diese Idee kommt daher, dass klassische Komponisten versucht haben solche Themen in musikalische Motive und Stimmungen umzusetzen. Genau diese möchte ich in kurzen Auszügen in das Stück übernehmen. Dazu habe ich folgende Stücke ausgesucht: Für das Medium Eigentum bzw. Bedürfnisbefriedigung – Johannes Brahms mit Herzlich tut mich verlangen; für Liebe Edvard Grieg mit: Dich liebe ich und die Bassline von einem Stück eines modernen Interpreten: Stephan Bodzin, mit dem Titel: Liebe ist; für Wahrheit ein Stück von Franz Schubert mit dem Namen: Die Erscheinung; für Macht ein Lied von Johann Sebastian Bach: Herr unser Herrscher. Da Liebe der Einsamkeit und Macht der Gewalt vorbeugt, habe ich für den Anfang meines Stückes, das die vormediale Zeit darstellen soll, noch zwei Lieder von Franz Schubert gewählt: Der Kampf und Die Einsamkeit. Anschließend wurden die Stücke von einer Software in Midi-Notenwerte übersetzt. Danach habe ich kurze Passagen herausgesucht, die jeweils die wichtigsten, aussagekräftigsten Motive oder Figuren des ursprünglichen Stücks beinhalten.

 

 

 

Anschließend wurden alle Abschnitte, sich öfters hintereinander wiederholend, auf der Zeitleiste arrangiert. Voran die Einsamkeit, dann der Kampf bzw. die Gewalt und dann im fließenden Übergang die Macht. Darauf folgt der Abschnitt mit dem geloopten Auszug für das Medium Geld bzw. Eigentum/Bedürfnisse, danach die Wahrheit und zum Schluss die Liebe. Um nun auf die Zuordnungen von Erleben und Handeln einzugehen, habe ich verschiedene Möglichkeiten der Einflussnahme der Soundspuren aufeinander gewählt. Zuerst auf den Umstand, dass auf das Handeln des Einen ein Handeln des Anderen folgt. Dies habe ich so dargestellt, dass die Wellenform des einen Kanals, die des anderen moduliert (FM-Synthese). Dies steht für das Medium Macht, denn der Eingriff ist hart und verzerrt das andere Signal völlig. Da in der Kommunikation im Medium Geld/Eigentum einer der Kommunikationsteilnehmer nur erlebend hinnehmen muss, während der andere handelt, auch wenn es um Dinge geht die Auswirkung auf sein eigenes Erleben und Handeln haben. Deshalb habe ich zur Darstellung die Sidechain- Kompression durch einen Kompressor gewählt. Dieser greift bei einer einstellbaren Stärke eines Signales aus einem fremden Audiokanal auf den eigenen Kanal zu. Er macht das eigene Signal immer beim Erscheinen des fremden Eingangssignals für einen Moment leiser. Man könnte sagen, er unterdrückt das eigene Signal zu Gunsten des fremden. Da es bei der Kommunikation mit dem Medium Wahrheit darum geht, dass jeweilige Erleben untereinander zu vergleichen, ist der Abschnitt der Wahrheit mit zwei Akteuren inszeniert. Die Tonhöhe eines Instrumentes nähert sich im Verlauf des Stücks immer wieder harmonisch an ein anderes Instrument an und entfernt sich wieder, bis sie dann wieder harmonisch zusammenfinden. Ein endgültiger Konsens wird dabei nicht erreicht. Der letzte Abschnitt gilt den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium Liebe. Da bei der Liebe sich ein Kommunikationspartner dem Erleben des anderen unterordnet, stelle ich diese Konstellation mit Hilfe eines Vocoders dar. Der Vocoder kann die Artikulation eines Instruments von einer Spur mit der Tonhöhe eines Instrumentes einer anderen Spur versehen. Man könnte auch sagen, er befähigt ein Instrument sich einem anderen anzupassen. Der Effekt ist für die Möglichkeiten von Stimmbearbeitung berühmt, kann aber auch anders eingesetzt werden.

 



Die Differenz der Dinge


Vor dem Eintritt des Re-Entry herrscht im psychischen System des Anfangs (dem Säugling) ein allumfassendes und undifferenziertes Erleben. Die Grenzen von sich und der Umwelt sind noch nicht bewusst, der Sehnerv noch nicht ausgebildet. Das Musikstück handelt von dieser Erfahrung und von den sich langsam ausbildenden Möglichkeiten der Differenzierung von Erscheinungen und dem Erkennen der Wiederkehr von Ähnlichkeit und Varietät. In der musikalischen Darstellung hört man, am Anfang des Stückes viele sich überlagernde und nicht zu unterscheidende Flächen, die sich scheinbar zu einer homogenen Fläche zusammenfügen bzw. einmal stark einmal weniger stark ineinander übergehen. Noch bevor die ersten Töne, die alle von Hand eingespielt werden, aufgenommen werden, sollte das Tempo des Stückes in Form von BPM (Beats per Minute) auch frei verändert werden. Denn vor der Differenzierung von System und Umwelt ist Zeit subjektiv, wenn nicht sogar relativ. Warme Orgelklänge sind zu hören – es klingt schön und behaglich. Das Sounddesign des Stückes weist keine schrillen oder aufkratzenden Obertöne auf. Um die eintretende Differenzierung darzustellen werden Kammfilter benutzt oder spitze Bandpassfilter. Sie laufen die Frequenzen ab und stellen Aspekte frei, indem sie diese abgrenzen. Aber nicht als Rhythmus, sondern als Einzelelemente, die sich dann irgendwann rhythmisch ergänzen. Es folgen Entsprechungen bestimmter herausstechender Töne bzw. Ereignisse, die ich versuche mit einem Synthesizer, der bisher noch nicht in den Prozess einbezogen war, nachzuempfinden. Es gibt dabei keine Möglichkeit der Korrektur.

 



Das Souverän der Verlautbarungswelt


Das wahre Wesen der Dinge ist für das psychische System nicht zu erfassen. Seine Operationen sind vorgeprägt durch seine Sozialisation, seine Kondition, seine Erfahrungen und über die Kommunikation der herangetragene Unterscheidungen. Der Einfluss der über Sprache vermittelten Identitäten, d. h. Definitionen und Logik, ist so stark, dass ein unvoreingenommenes Erleben der Welt fast unmöglich ist. Das Stück beginnt mit Rauschen. Ähnlich wie die Umwelt in der wir uns bewegen, ist das Rauschen ein Produkt von vielen teilweise sich nicht direkt bedingenden Phänomenen. Auf Grund der hohen Dichte dieser Phänomene, ist aber kein einzelnes mehr für das menschliche Ohr zu differenzieren. Das Rauschen im Stück wird an einzelnen Stellen durch einen ge-side-chainten Gate-Effekt herausgehoben. Dies soll die Möglichkeit darstellen in der sich psychische Systeme mit Hilfe von Symbolen sprachlich auf einzelne Irritationen der Umwelt beziehen können. Das Erlebte wird gefiltert und es wird auf ein Symbol bzw. ein Wort reduziert, was zwar einen gewissen semantischen Umfang bietet, aber es kann die Sphäre des Wirklichen nicht erreichen. Um diesen Vorgang des Filterns der Realität zu beschreiben wird ein Bandpassfilter benutzt, der das Rauschen filtert . Danach werden die Bits des Audio-Samples mit einem Bitcrusher-Effekt reduziert, der in der DAW (Digital Audio Workstation), die ich benutze, passenderweise den Namen Redux hat. Das ist deshalb so schicksalshaft, da Niklas Luhmann, bei dem oben beschriebenen Vorgang von der Reduktion der Wirklichkeit gesprochen hat. Das Wort, als Symbol für beobachtete Phänomene der Wirklichkeit, erhält über die Zeit mehr Aufmerksamkeit als das zu erlebende Phänomen. Dieses wird mit steigendem Vertrauen in das bewusste Vertraute, oder man könnte sagen Stereotype nicht mehr überprüft. Genauso übersteigen die nicht mehr aus dem ursprünglichen Rauschen des anfänglichen Musikstückes entstanden perkussiven Elemente diese modulierten Auszüge aus dem Rauschen. Die Drums sind dominant und der Beat verfolgt seinen eigenen Sinn, nämlich sich zu vollziehen, ebenso wie es Kommunikation es tut. Es folgen andere Drum- Loops, um den rapiden Anstieg von Kommunikation darzustellen. Sie mischen sich und übertönen schon lange das Rauschen. Der Takt wird unklar, ihre Funktion ist es bereits. Nur am Ende des Stückes wird das Rauschen so laut, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Es fängt an, alles andere zu übertönen. Für einen stärkeren Ausdruck dieses in der Systemtheorie beschrieben Phänomens, wird alles mit einem Limiter stark komprimiert, denn das menschliche Bewusstsein ignoriert bei einem starken Reiz nach und nach alle anderen Signale, die parallel dazu eingehen, da es diese nicht mehr bewusst verarbeiten kann.

 



Autopoiesis


Mit Autopoiesis bezeichnet man die Art und Weise wie autopoietische Systeme, wie das soziale oder psychische System operieren. Damit ist gemeint, dass auf die Produkte ihre typischen Operationsweise immer wieder die nächste Operation desselben Typs folgt. Wobei immer wieder das Resultat dieses Vorgangs als Voraussetzung für die nächste Operation gilt. Bei psychischen Systemen ist es zum Beispiel so, dass ein Gedanke auf den nächsten folgt.

 

Zunächst wird ein frei erfundenes Stück Musik aufgenommen. Es darf nicht länger als zwei Takte lang sein. Dieses wird nun immer wieder durch eine Kette von Effekten und Filtern geschickt, deren Parameter sich ständig verändern. Mal wird an dem ursprünglichen Stück etwas abgetragen, mal etwas hinzugefügt. Doch schon nach dem ersten Durchlauf durch diese Kette von Effekten ist das Ausgangsstück ein völlig anderes. Dieses wird nun wieder durch dieselbe Kette geschickt, wieder und wieder und wird parallel dazu aufgenommen.

 



Aufbau von Strukturalität


Der Aufbau von Strukturalität bezeichnet in der Systemtheorie die Entstehung von Gedächtnis und der Möglichkeit von Erinnern und Antizipation. Dazu müssen Irritationen der Umwelt in Informationen transformiert werden. Dies geschieht bei der Wahrnehmung. Die Irritationen der Umwelt werden bei der Beobachtung zugleich bezeichnet. Sie werden nach verschieden Gesichtspunkten, nach dem Prinzip von Ähnlichkeit und Variation, analysiert. Das Ergebnis wird reproduzierbar in den Strukturen des Systems gespeichert. Dabei bietet es Anknüpfungspunkte für ein Erinnern und somit die Möglichkeit andere in der Zukunft auftretende Ereignisse damit zu vergleichen. Um so eine adäquate Reaktion auf Ereignisse in der Umwelt zu gewährleisten.

 

Für mein Musikstück dienen als Irritationen zwei kurze Samples, die ich zunächst selbst erstelle. Diese müssen sehr komplex sein und die Möglichkeit bieten aus ihnen sowohl Bass-Sounds, als auch Höhen oder tonale Events zu extrahieren, um diese später wieder herauszufiltern. Dazu müssen diese das gesamte hörbare Spektrum umfassen. Das Vorgehen ist wie folgt: Aufnahmen werden mit einem Fieldrecorder aufgenommen. Anschließend durch einen modularen Synthesizer geschickt, wo sie mit Effekten moduliert werden und mit anderen synthetisch erzeugten Klängen vermischt werden. Danach werden die Samples durch einen Verstärker geschickt und über den Verstärkermonitor im Raum, bei laufender Musik von Radio und Smartphone im Hintergrund, mit dem Fieldrecorder erneut aufgenommen.

 

Das Musikstück beginnt damit, dass einer dieser Sounds vorgestellt wird und anschließend in verschiedene Teile zerlegt wird. Um zu zeigen was weggefiltert wurde, wird der Filtervorgang auch hörbar vorgeführt und anschließend dessen Ergebnis präsentiert sowie in Sequenzen arrangiert. Nun folgt ein Prozess in dem die Ergebnisse mit anderen Sounds verglichen werden, in dem sie erst im Wechsel und dann gleichzeitig gespielt werden. Das Ganze folgt noch einmal mit Irritations-Sound Nummer zwei. Anschließend werden die verschieden Sequenzen und Einzelevents nach und nach zu einer Song-Struktur zusammengefügt. Dabei werden die Sequenzen immer wieder abgerufen und tauchen dann wieder an verschiedenen Stellen des Tracks auf, wo sie sich zu einer Gesamtstruktur zusammenfügen.